Junge Menschen in Görlitz sprechen wenig. Als ich meinen SPIEGEL-Abo-Geschenk-Trolley von Gleis 10 des hiesigen Bahnhofs in Richtung Haupteingang ziehe, komme ich an den acht vorhandenen Warte- und Verweilplätzen vorbei. Darauf gesellen sich acht Mädchen und Jungen innig in gemeinsamem Nichtbeachten. Beim gemütlichen Kofferkullern beobachte ich das Oktav der Ignoranz: Einheitlich verlieren sich ihre Blicke im fahlen Grau des Steinbodens. Jeder schweigt, alle schauen drein, keiner beachtet irgendwen. Sie sind in jenem Alter, da die Pubertät in unbeholfene Vernunft übergeht.
Der Junge mit mp3-Hörerstöpseln scheint etwas zwischen Marx‘ „Kapital“ und Dieter Bohlens Biografie zu hören. Zumindest bezeugt dies seine Begeisterung für die mir unbekannte Beschallung, die man ebenso vergeblich sucht wie den statistisch erwarteten SMS-Schreiber. Jener hätte wenigstens den Anschein von Kommunikation geleistet.
Weder der krachend billige Trolley noch mein Gaffen erschüttern diese Installation des uniformen Vegetierens in irgendeiner Weise. Mein Wunsch einen von ihnen zu packen, zu schütteln und ins Gesicht zu schreien „Kennst du Emotion? Zeig mir wenigstens, dass du mich nicht magst!“ verwerfe ich. Das wäre sozialunverträglich – oder sagen wir nicht konform.
Draußen stehen weitere dieser Schneemänner. Bis auf die Tatsache, dass hier gestanden und nicht gesessen wird, stelle ich keine Veränderung fest. An der Luft kann es also schon einmal nicht liegen. Es fehlt ein mp3-Stöpselmensch. Ich erkläre mich innerlich bereit diesen Mangel auszugleichen. Kurz darauf begehre ich einen Kaugummi, den ich jedoch nicht bei mir führe. Auf die Frage, ob sie für den Moment auf meine Sachen aufpassen möge, antwortet das blonde Uninteresse mit wortlosem Nicken.
Zufrieden kauend komme ich wieder und tatsächlich stehen Laptoptasche, Kameratasche und Made-in-China-Trolley immer noch da. Gut, welcher dieser namenlosen Statisten in diesem Kunstwerk der Sprachlosigkeit, hätte auch genügend emotionalen Aufwand betreiben und meine Habe willentlich entwenden können.
Hugo Diaz’ Mundharmonika-Interpretation des Tangos „Mano a Mano“ verleiht der Szenerie eine unnatürliche Melancholie, die ich als interessanten Kontrast genieße. Da nirgendwo Kaffee konsumiert werden kann, erbringe ich wiederum nicht genügend Energie für weitere investigative Analysen dieses Phänomens. Ich begnüge mich mit der Erkenntnis, dass hier wenig gesprochen und beachtet wird.


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