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Gedacht

…so schön, wenn du weinst.

Wenn Lehrer ihre Macht über Schüler ausüben, passiert es, dass sie die Auswirkungen ihrer Entscheidungen nicht mehr realisieren.

Dieser Text ist keine Erzählung und keine Kurzgeschichte, da er Merkmale beider Formen vereint.

Die Lehrerin lässt sich Zeit, während sie die Klausuren zurückgibt. Nun kommt sie an seine Bank. Sie blickt ihn an, legt die Blätter beschriebenen Papiers auf den Tisch und geht weiter. Er sieht ihr nach und ist sich nicht sicher, ob sie ihn überhaupt bemerkt hat. Er blickt zurück auf seinen Tisch. Die Blätter selbst schauen ihn auch nicht an, zeigen ihm den Rücken.
Er wünscht sich die sieben Punkte. Mehr braucht er nicht. Nur sieben Punkte! – Und das Schuljahr wäre gerettet.
Bevor er die Klausur wenden will, versucht er die Eindrücke seiner Mitschüler aufzunehmen. Hie und da die üblich vereisten Gesichter, die gebückten, gar niedergeworfenen Oberkörper. Doch da gibt es auch die anderen: Sie freuen sich. Manche insgeheim, einige sehr, aber nur wenige gar nicht.
Marc bekommt ein gutes Gefühl. Ja, die Klausur scheint recht gut ausgefallen zu sein. Er sieht zu seinem Kumpel herüber. Dieser zeigt einen nach oben gerichteten Daumen. Die vergoldete Uhr am Arm strahlt – gleich seinen Augen, die von einer guten Note sprechen. Die neun in die Luft gestreckten Finger seines Freundes machen optimistisch. Die Stoppeln am Kinn scheinen zu hüpfen, als dieser „Neun Punkte!“ verkündet.
Er wendet die Blätter und liest: vier Punkte.
Einen Moment lang herrscht Stille. Kein Laut des Kurses, weder die mahnende Stimme der Lehrerin, noch die nett gemeinten Worte des Mädchens vor ihm dringen zu ihm hindurch. Er sitzt da und schaut auf die Note. Er starrt sie nicht an, sieht einfach nur hin.
Und da passiert es. Ein Nebel nimmt ihm die Sicht, er schließt die Augen – und weint.
Er will nicht weinen, will sich vor seinen Freunden nicht die Blöße geben, schon gar nicht vor den Mädchen. Doch die Tränen tröpfeln aus seinen Augen und hören nicht auf. Schließlich schlägt er die Hände vor sein Gesicht. Der Junge möchte sich verbergen und weint in sich hinein. Da hört es plötzlich wieder auf. Die Tränen versiegen, nur die Hitze in seinem Atem bleibt. Er zieht sein Gesicht aus den Händen.
Wieder Stille. Und diesmal ist es wirklich ruhig. Er nimmt das Taschentuch des Mädchens dankend an, schnäuzt hinein. Ein flüchtiger Blick in die Runde. Alle starren ihn an – sie schauen nicht, starren ihn an!
Die Lehrerin ergreift das Wort. Er solle sich jetzt nicht aufregen wegen der einen Note. Er habe wohl zu wenig gelernt. Und das sei nicht nur sein Problem gewesen, sagt sie. Später beim Abitur jedoch wäre das verhängnisvoll.
„Später beim Abitur“ wiederholt er leise. Seine Stimme klingt heiser, doch gehört hat ihn wohl niemand. Die Blicke wenden sich von ihm, richten sich gen Lehrerin. Die Unterschrift möchte sie nächste Stunde sehen. Und eine Berichtigung könne jeder freiwillig machen. Sie stelle sich gern zur Verfügung für eine zweite Korrektur, sagt sie.
Auf jeden Fall seien die Aufgaben drei, vier und fünf der Buchseite soundso noch zu lösen.
Das Klingeln beendet die Stunde. Alle stehen auf, verlassen das Zimmer.
Sein Freund spricht ihn an. Er fragt, ob es dem Jungen gut gehe, ob alles in Ordnung sei. Dieser winkt ab.
Der Kumpel blickt skeptisch, meint jedoch, er müsse los. Er habe noch für eine Klausur zu lernen. Geografie, sagt er. Beide verabschieden sich. Der Freund geht, ebenso die Lehrerin. Er bemerkt, dass das Mädchen noch da ist – als einzige.
Er ignoriert sie, packt seine Sachen in den Rucksack. Er lässt sich dabei Zeit – Zeit, in der sie den Unterrichtsraum verlassen kann. Als er den Reißverschluss des Rucksacks schließt, ist sie immer noch da.
Sie wisse, dass die Note für ihn wichtig gewesen sei, sagt sie. Sieben Punkte habe er gebraucht. Der Junge nickt, setzt sich den Ranzen auf und geht zur Tür.
Was er nun machen wolle, fragt sie. Er wendet sich um, sieht zu ihr hin.
Er solle doch was sagen! Er könne es doch nicht einfach so hinnehmen.
Der Junge schüttelt mit dem Kopf. „Mein Abi ist gelaufen.“
Er mustert sie: Eine Strähne ihrer dunkelbraunen Haare hängt ihr im Gesicht. Das Mädchen hat sie hinten mit einem Gummi zusammengebunden. Ihre Haut, leicht gebräunt, hat Kosmetik wohl nie getragen, noch weniger gebraucht. Besorgte braune Augen blicken zu ihm.
‚Ob sie mich mag?’ fragt er sich.
Als er die Tür hinter sich schließt, riecht er den frisch gewischten Boden. Die Reinigungskraft arbeitet. Er blickt auf sein Handy: 15 Uhr 45. Zeit nach Hause zu gehen.

Er wohnt etwas außerhalb der Stadt. Es ist nicht weit zu der Wohnung seiner Eltern, dennoch nimmt er den Bus. Während der Fahrt rauschen die Häuserzeilen vorbei an der Glasscheibe, die seine Stirn hält. Die Schlaglöcher der Straße hämmern gegen seinen Kopf – er hört die Trommelschläge in seinen Gedanken.
Und das ist auch schon das einzige, was ihn erfüllt. Beraubt jedweder Gedanken, konturlos, grau wartet er auf seine Haltestelle. Die Türen zischen auf. Er wird nach draußen gedrängt. Etwas zieht ihn, drückt seine Füße schrittweise voran. Er weiß nicht, wer oder was. Doch der Junge dreht sich nicht herum, um zu schauen – aus Angst das Schieben könnte aufhören und er müsse für immer an der Stelle stehen bleiben, zu schwach selber zu gehen.
Schließlich ist er vor der Wohnungstür. Er öffnet, tritt hinein, schließt sie hinter sich. Er geht den Flur entlang und in das Wohnzimmer. Rauch steht in dem Raum. Verschwommen sieht er seine Schwester auf dem Sofa sitzen, eine Zigarette zwischen den Fingern.
Er hustet. „Kannst du das Fenster öffnen?“ bittet er.
Wie dumm er doch sei, antwortet sie. Solle sie sich eine Erkältung holen? Er solle sich gefälligst verpissen, schreit sie.
Der Junge folgt ihrem Rat, geht in die Küche. Wieder stehen Schwaden unter der Decke. Das Ceranfeld gleicht einem Acker. Furchen durchziehen die Kruste, die auf der Oberfläche dampft. Irgendwo dazwischen schimmert ein Topf heraus. Das Braune in ihm, das sich auf dem Herd verteilt hat, scheint Pudding gewesen zu sein – irgendwann, bevor das Tütenpulver mit der Milch in Berührung kam und sich drei Minuten später wie eine Decke über die Ceranfelder legte.
Er öffnet das Küchenfenster und redet, als wäre jemand bei ihm: „Sie hat ihr Essen verbrennen lassen – genauso wie ihr Hirn zuvor.“
In seinem Zimmer sitzend zieht er den Mathehefter heraus. Die Klausur legt er zur Seite; er will sie nicht ansehen. Automatisiert greift er in den Rucksack, um das Buch herauszunehmen und die Hausaufgaben zu lösen.
Es ist nicht drin. Er hat es in der Schule vergessen.
Der Junge verliert keine Zeit, denn er weiß, dass die Schule bald verschlossen sein wird. Er verlässt die Wohnung, nimmt jedoch diesmal sein Rad und rast die Wege entlang, ignoriert die Straßenschilder und die Passanten die ihm hinterher rufen.

Der Gang riecht noch immer nach Putzmitteln. Als er die Tür zu dem Unterrichtsraum öffnet, verlässt das Mädchen den Raum. Sie ist wohl noch die ganze Zeit hier gewesen. Sie erblickt ihn und errötet. Ihr Blick sinkt, ihre Schritte beschleunigen.
Der Junge schaut ihr kurz hinterher und betritt dann das Zimmer. Die Reinigungskraft ist noch immer nicht hier gewesen; er riecht es. Auf seinem Tisch liegt nichts, doch er vermutet das Buch in der Ablage darunter und hat Recht. Auf dem Umschlag klebt ein Zettel mit einer Aufschrift: „Du bist so schön, wenn du weinst.“
Es steht kein Absender der Nachricht dabei, doch er meint, ihn zu kennen. Er öffnet das Fenster, weil er auf einmal eine Hitze in sich fühlt, die er kühlen möchte.
‚Nun weiß ich, warum sie so schnell gegangen ist, ohne etwas zu sagen. Wo sie doch sonst soviel redet. Ob sie mich liebt?’ fragt er sich.
Er wünscht es sich. Der Tür den Rücken zugewandt hört er wie sie geöffnet und wieder geschlossen wird. Schritte nähern sich ihm von hinten.
Er fühlt sein Herz schneller pochen. Mit jedem Schritt pulsiert die Hitze in ihm stärker. Er spürt einen Körper nah an seinem Rücken. Er glaubt ihre Hand an seinem Hintern zu fühlen, ist sich jedoch nicht sicher. Das Kribbeln in seinem Körper macht es ihm zu schwer, Wunsch von Wirklichkeit zu unterscheiden.
Hände ergreifen seine Hüfte. Er fühlt den Körper hinter sich, das andere Herz schlägt gegen seine Schulterblätter. Er schließt seine Augen. Lippen berühren seinen Nacken und bewirken eine Gänsehaut.
Die Hände umschlingen seinen Bauch und drücken ihn an den anderen Körper. Seine Finger greifen nach ihren Unterarmen. Er will sie festhalten, sie für den Moment nie wieder loslassen. Kühle stößt ihm entgegen, als er ihr linkes Handgelenk umfasst. Er schaut an sich herab und erblickt etwas Glänzendes zwischen seinen Fingern: Es ist die vergoldete Uhr seines Kumpels.
Nun spürt er auch die Stoppeln an seinem Nacken.

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