Ein Unternehmer zieht aus und will ein Schaf fangen. Doch wie die Konfrontation “Wildness” und Großstadt-Hai ausgeht, erfährst du in dieser Anekdote. Sie ist mehr oder weniger ein Auftragswerk. Ich habe den Text für die Lesung “Schüler schreiben für Schüler” an meinem Gymnasium geschrieben. Gehört habe ich die Begebenheit vor ein paar Jahren in einem Gasthof.
Die Piste schleuderte meinen Cherokee-Jeep durch. Von einer Straße war hier schon lange keine Rede mehr. Ich mutmaßte insgeheim, dass August, der Starke, wohl der letzte war, der hier durch die Heide kutschiert wurde. Dementsprechend reich war auch das Angebot an Schlaglöchern.
Ich verlangsamte den Wagen auf ein gemütliches Schritttempo. Meine Befürchtung, dem teuren Fahruntersatz könnte etwas geschehen, war einfach zu groß. Immerhin hatte der Verkäufer mir ein nettes Sümmchen für das gute Stück abverlangt, eh ich es „Mein“ nennen konnte.
Ich drehte meine Hifi-Anlage lauter und begeisterte mich an Ray Charles’ Rhythmen. Der satte Klang bestätigte meine Entscheidung, den teuren Verbund aus Verstärkern des Hauses Bose eingebaut haben zu lassen. Noch vor ein paar Wochen lauschte ich dieser langweiligen Standartausgabe von Autoradio. Für wie anspruchslos müssen mich meine Kollegen gehalten haben?
Mein Handy klingelte. Ich drückte kurz auf dem silbernen Gerät an der Holzverkleidung des Wagens herum. Am anderen Ende meldete sich Stephanie, meine Sekretärin: „Herr Bassermann, der Mann von der Riedel GmbH hat angerufen. Sie erinnern sich doch? Das ist der Eigentümer von dem Fensterwerk, der Sie letzte Woche zum Essen eingeladen hatte.“
Sie hatte schon wieder nicht gegrüßt. War ein „Guten Tag“ zuviel verlangt? Ich sollte diese Frau entlassen. Da war doch dieses junge Ding, das vor einiger Zeit bei mir vorgesprochen hatte. Wie hieß die doch gleich? Juliett, ach richtig. Die wäre doch ein prima Ersatz.
„Ja, ich kann mich an Herr Riedel erinnern. Was wollte er?“
„Er will Sie unbedingt noch einmal sprechen. Er meint, es sei wichtig. Wenn es geht, noch heute. Ich hab ihm zwar gesagt, dass sie heute nicht zur Verfügung stehen, aber er hat darauf bestanden, dass ich Ihnen Bescheid gebe. Was soll ich ihm sagen?“, fragte sie.
„Sagen Sie ihm, dass ich heute wirklich nicht kann. Wenn er unbedingt eine Beratung will, dann weisen Sie ihn freundlich auf die anderen Unternehmensberater in der Stadt hin. Sie können ihm ja die Nummer von Karl geben. Dem schulde ich sowieso noch einen Kunden.“
Stephanie stimmte zu und wollte auf einen anderen Kunden hinaus. Ich winkte ab: Ich hatte gerade keine Nerven für so etwas. Bevor ich mich verabschiedete, sagte ich: „Ach, und Stephanie? Rufen Sie doch bitte diese Juliette an. Sie war vor drei oder vier Wochen kurz im Büro und hat mit mir geredet. Machen Sie mit ihr einen Termin für nächste Woche aus, danke!“
Ich richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf die Strecke. Der Boden wurde ebener. Die Fahrt war wesentlich angenehmer und ging zügiger voran. Ich blickte mich um. Ich fuhr geradewegs durch ein Gebiet, das zu beiden Seiten von Hügeln begrenzt war. Die Sonne stand hoch am Himmel und ließ das saftige Grün der Bäume und Wiesen leuchten. Ich schätzte, dass mein Weg nicht mehr lang sein konnte.
Während das Intro von „Lonely Avenue“ anspielte, ließ ich das Fenster herunter. Frische Landluft mit allen Köstlichkeiten des Kuhmistes und der Silos begrüßte mich. Ich nieste und riss das Steuer zu Seite, sodass ich fast einen Strauch mitgenommen hätte. Jedoch konnte ich den Wagen rechtzeitig abfangen.
„Verdammte Pollen!“
Ein Blick auf meinen Brioni-Anzug verriet mir, dass ich mich auch noch voll erwischt hatte bei meinem intensiven Nieser. Ich zerrte ein Taschentuch aus dem Sakko und versuchte das Übel zu beseitigen. Glücklich war ich mit dem Ergebnis nicht, aber es sah zumindest nicht so Popelbehaftet aus wie vorher. Der Anzug musste nichts desto trotz in die Reinigung, das stand fest.
Ich erblickte zu meiner Rechten eine Herde Schafe – und war also angekommen. Ich manövrierte den Jeep zwischen ein paar der Schafe und stieg aus, setzte mir meine RayBan-Sonnenbrille auf und wurde lautstark von den Tieren begrüßt. Nachdem ich mit einem Klack-Klack den Wagen verriegelte, stellte ich fest, dass ich mich unwohl fühlte. Wieso hatte ich mich nur darauf eingelassen?
Da klingelte mein Handy wiederum. Ich griff zu meiner Brusttasche und beförderte das Zweitgerät zutage, das ich immer bei mir führte.
„Hallo Daniel, was macht das Schaf, das du besorgen sollst? Markus und ich haben schon die Messer bereitgelegt. Alle warten nur noch auf dich. Sogar die Feuerstelle ist schon fertig.“
Ich begrüßte den Kollegen und meinte, dass ich gerade dabei wäre, das Schaf zu verladen. Er erzählte mir noch ein paar Details über die geplante Gartenparty und legte dann auf. Was war das nur für eine hirnrissige Idee für die Party ein Schaf zu schlachten? Ein paar T-Bone-Steaks hätten es doch auch getan. Aber nein, es sollte unbedingt ein ganzes Schaf sein. So wie die Indianer zu essen pflegten.
Ich fragte mich, ob Indianer überhaupt Schafe hatten. Und wie würde das nur aussehen, wenn ich den Wagen vor Markus’ Haus parken würde, um ein Schaf herauszuholen? Ich hätte viel lieber ein Ferkel gehabt. Zumal Schaf komisch riechen soll, wenn man das Fleisch brät.
Ich schaute mich um und stellte fest, dass ich, in Gedanken versunken, querfeldein gelaufen sein musste und nun in einem Meer von Schafen stand. Aus jeder erdenklichen Richtung hörte ich ein Blöken. Es roch hier makaber, ja grausam, nach Schaf.
Jetzt verstand ich, was es mit dem Geruch auf sich hatte. Wie würde es nur riechen, wenn man so ein Vieh über Feuer hielt? Das würde ich eh erfahren, jetzt galt es erst einmal zurück zum Wagen zu finden. Mein Blick schweifte umher, jedoch war hinter den Wollebergen nichts von meinem grünen Cherokee zu sehen. Zumindest sah ich den Schäfer etwas abseits der Herde stehen.
Ich bahnte mir einen Weg zwischen den Tieren hindurch und war sogar erfreut, den Mann gesehen zu haben. Eigentlich hatte ich vor, einfach eines der Schafe mitzunehmen, aber so konnte ich sogar eines rechtmäßig erwerben. Vielleicht würde er mir sogar mein Vorhaben ausreden, dann könnte ich auf dem Rückweg Steaks kaufen.
Ich begrüßte den Mann und schilderte mein Anliegen.
„Wie teuer ist ein Schaf bei Ihnen?“, fragte ich ihn schließlich.
Er verzog keine Miene und erklärte, dass er seine Schafe nicht verkaufen würde. Ihm würde das Geld für ein Schaf nicht soviel nützen wie das Schaf selbst. Damit hatte ich meine Ausrede, dennoch gab ich mich damit nicht zufrieden und improvisierte: „Ich mache Ihnen den Vorschlag: Ich sagen Ihnen ganz genau, wie viele Schafe Sie hier haben und ich kann mir dafür eines der Tiere aussuchen.“
Er war nicht uninteressiert an meinem Angebot und ging die kleine Wette mit mir ein. Damit war meine Chance auf ein saftiges Steak entschwunden.
Als nächstes brauchte ich nur meinen Wagen finden und das Problem würde gelöst sein. Siehe da! Just, erkannte ich den Frontspoiler hinter ein paar Büschen glänzen. Nach einigen Schritten und dem Betätigen der kleinen Fernbedienung an meinem Schlüssel, öffnete ich die Beifahrertür von dem Wagen und setzte mich.
Ich stellte mein Notebook auf die Oberschenkel, verband es mit meinem Handy und startete die Internetverbindung. Nach ein paar Klicks auf NASA-Seiten und wenigen Downloads konnte ich einige Seiten mit meinem mobilen Printer ausdrucken. Ich sichtete die Blätter, gab einige Werte in mein GPS-Programm ein und ließ schließlich Excel mit ein paar Formeln rechnen. Kurz darauf hatte ich die genaue Zahl der Schafe vorliegen.
Als ich wieder beim Schäfer war, fragte dieser: „Und wie viele Schafe sind es nun?“ Ich nannte ihm die Zahl.
„Das ist richtig. Suchen Sie sich ein Schaf aus!“, erwiderte er.
Ich bedankte mich, ging zurück zu meinem Wagen und lud eines der pelzigen Tiere ein. Ich fand, dass ich mir eines der hässlicheren Schafe ausgesucht hatte, dachte aber, dass es am Geschmack des Fleisches nichts ändern würde.
Der Mann war mir gefolgt und beobachtete mich, wie ich mich bemühte, beim Einladen das Leder der Sitze unbeschädigt zu lassen.
„Wenn ich Ihren Beruf errate, geben Sie mir dann das Schaf zurück?“, fragte er.
Ich überlegte und kam zu dem Schluss, dass er meinen Beruf nicht kennen konnte, weshalb ich ihm nicht widersprach, sondern darauf einging.
„Sie sind ein Unternehmensberater“, sagte er und hatte Recht.
Ich fasste nicht, dass er richtig geraten hatte und fragte, wie er darauf käme.
„Ganz einfach“, meinte der Schäfer, „erstens kommen Sie hierher, obwohl Sie niemand hergerufen hat. Zweitens wollen Sie eine Belohnung haben dafür, dass Sie mir etwas sagen, was ich ohnehin schon weiß. Und drittens haben Sie keine Ahnung von dem, was ich mache, denn Sie haben sich meinen Hund ausgesucht.“
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