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Rezension

Film: Free Rainer

Wer kennt es nicht: Papa sitzt unmotiviert vor dem Fernseher und weiß wieder nicht, was er sich anschauen will. Mutti sieht dem ganzen Schauspiel nicht mehr länger zu und reißt die Fernbedienung an sich. Nach zweiminütigem Blitz-Zappen durch alle 80 digitalen Kanäle bleibt sie schließlich wieder an einer Doku-Soap hängen. Papa ist sich zumindest in einem sicher: “Das gibt’s heute nicht!” Und damit beginnt der Kampf um das Abendprogramm von Neuem.

Hans Weingartners neuer Kinofilm “Free Rainer” jedoch kritisiert weniger das Theater vor dem Fernseher als vielmehr den Weg, wie das Fernsehen in den Fernseher kommt.

Seit dem 15. November kann man den Protagonisten, der dem Film seinen Namen gab, im Kino verfolgen. Kokainabgängig, aggressiv, egozentrisch, karrieregeil – das beschreibt Rainers Charakter zu Beginn der Handlung. Sein Job ist es dumpfsinnige Fernsehformate zu erfinden, die seinem Arbeitgeber, einem privater Sender, möglichst hohe Einschaltquoten bescheren. Denn ein gute Quote verspricht zahlende Werbekunden – die Haupteinnahmequelle privater Medienkonzerne.

Nach einem Autounfall jedoch ändern sich Rainers Ansichten. Ihm wird klar, dass sie die Zuschauer für dumm verkaufen. Seine Ambitionen etwas daran zu ändern scheitern, schließlich kündigt er seinen Job. Er schmiedet zusammen mit Pehga, der jungen Frau, die am Autounfall beteiligt war, den Plan die Einschaltquoten zu manipulieren und so hochwertige Formate zu fördern. Die Zuschauer sollen sich an das Bildungsfernsehen gewöhnen. Ob sie es schaffen und wie die Geschichte ausgeht, sei an dieser Stelle nicht verraten.

Hans Weingartner hat wieder einmal ein Händchen für die Rollenbesetzung bewiesen: Mit Moritz Bleibtreu in der Hauptrolle des Rainers konnte er natürlich keinen Fehler machen – überzeugend spielt er den brutalen, rücksichtslosen Protagonisten zu Beginn des Films. Zwar wirkt dessen Wandel zu einem besseren Menschen nicht ebenso glaubwürdig, so liegt dies jedoch vielmehr an dem schnellen Plot als an der Darstellung.

Elsa Sophie Gambard spielt die ruhige, etwas distanziert und zugleich mysteriös wirkende Pegah – die zweite Hauptrolle an Rainers Seite. Ihre Rolle ist dankbar, weil nicht besonders schwer. Ihre wundervollen braunen Augen sind schon Grund genug ihr die Rolle zuzugestehen. Milan Peschel ist der Soziophob Phillip der Medien-Troika. Seine Rolle ist die wohl schwierigste des Films und umso beeindruckender dargestellt. An jeder Stelle kauft man Peschel die Soziophobie ab.

Plaktive Szene: Rainer entsorgt seinen Fernseher.“Free Rainer” überzeugt zwar in der Besetzung, nicht jedoch in der Tiefe der Figuren. Alle Charaktere bleiben bis zum Ende hin nur sehr schwammig umrissen. Doch Hans Weingartners Film hat auch nicht den Anspruch psychologischer Schärfe: Die Kritik an der Medienwelt ist das Hauptanliegen – und die ist vielfältig.

Zu allererst geht die Kritik an die privaten Medienkonzerne. Profitfixiert beschränkten diese ihr Programm auf leichte Kost, entfernt von jeglichem intellektuellen Niveau – und das seit Jahren. Dies führe dazu, dass sich die Zuschauer an das Niedere gewöhnten und schließlich in der Überzeugung, daraus bestehe das Leben, selber gar keinen Anspruch von den Medien mehr verlangen würden. Schließlich würde dies erst den Konsum der Zuschauer fördern und die Konzerne am Leben erhalten, scheint die Kernaussage des Films zu sein.

Der nächste Kritikpunkt ist die IMA, der Film-Pendant zur Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Die GfK registriert das Fernsehverhalten von einer Auswahl von deutschen Bürgern und rechnet diese Ergebnisse dann auf die Gesamtbevölkerung auf. “Free Rainer” wirft dem Verfahren an dieser Stelle vor wenig repräsentativ zu sein, da verschiedene Gesellschaftsgruppen wie Ausländer und Studenten gar nicht in der Statistik vorgesehen seien.

Zuletzt bleibt die Kritik auch ein wenig an den Zuschauern hängen, die ja schließlich die Gewöhnung an das Blödsinns-TV erst zuließen. Die Hauptschuld bleibt aber dennoch bei den Medienkonzernen.

Hans Weingartners Film wirkt unausgegoren: Die Satire, die dem Film laut Regisseur zu Grunde liegen soll, ist zu wenig zugespitzt. Allenfalls die Handlung selbst wirkt übertrieben. Auch wirken einige Szenen übertrieben theatralisch, so zum Beispiel als Rainer seinen Fernseher symbolisch von seiner Terasse wirft. Die Figuren, ihr Verhalten und die Dialoge werden vom Zuschauer als durchaus realistisch abgekauft – für eine Studie jedoch fehlt dem Film an Tiefe. Eine unterhaltsame Komödie mit kritisierenden Elementen ist “Free Rainer” wohl am Ehesten.

Das macht ihn aber keinesfalls schlecht. Der Film hat viele negative Kritiken bekommen – die meisten aus den Reihen privater Medienunternehmen. Dies beweist letztendlich nur, dass der Film am Image der Konzerne kratzt. Und dass diese darauf verärgert reagieren, bestätigt die Kernwahrheit des Films: Das private TV ist Mist! Ein Fernsehsender mit Anspruch könnte gelassener an eine Filmkritik herangehen und würde wohl weniger verbissen über “Free Rainer” berichten.

Filmplakat: Free Rainer.Hans Weingartner kann sich an dieser Stelle bestätigt fühlen. Guten Kritiken durch private Sender über einen Film, der eben jene private Sender anprangert, waren von Vornherein nicht zu erwarten. Der Film ist wie Weingartners Meisterwerk “Die fetten Jahr sind vorbei” ein Muss für jeden gebildeten Bürger. Zwar ist wünschenswert, dass auch bildungsärmere Schichten von der Quintessenz profitieren, dies scheint aber unwahrscheinlich und das utopische Ende von “Free Rainer” gleichsam wünschenswert und unrealistisch.

“Free Rainer” gehört in jede Schulklasse ab dem neunten Schuljahr zur Diskussion. Nur kritisch distanzierte Bürger haben die Chance die Medienwelt zu verändern.

“Free Rainer”, Kinowelt Filmverleih. Seit dem 15.11. in deutschen Kinos. Weitere Informationen unter www.freerainer.de

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