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Rezension

Film: Winterkinder

War mein Großvater ein Nazi? Diese Frage stellt sich die Enkelgeneration der Familie Schanze im Dokumentarfilm Winterkinder. Der Film porträtiert den Prozess der Geschichtsaufarbeitung eines Stammbaums.

Film: Winterkinder Nur noch in den vielen Fotoalben ist der Großvater zu sehen. Mal posiert er in SA-Uniform, ein anderes Mal hält er seine frisch vermählte Ehefrau sanft an seiner Seite. Doch was er wirklich war, Mensch oder Nazi, das wissen die Enkel nicht. Ihn selbst können sie auch nicht befragen; er kam 1954 bei einem Autounfall ums Leben. Sechzig Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur macht sich sein Enkel Jens Schanze, Produzent und Regisseur des Filmes, auf Spurensuche. Zwischen Zeitzeugen und Archivakten, in Neurode, der Heimat des Großvaters, und anfänglich im Wohnzimmer der Mutter, forscht er nach der Wahrheit.

Doch der Film ist wesentlich mehr als reine Faktenschinderei allá Galileo Mistery des bekannten Privatsenders. Der mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Filmemacher zeigt private, gar intime Einblicke in seine Familie. Stets ist die Kamera da, wenn seine Mutter berichtet. Selbst als seine Familie die Gedenkstätte des Konzentrationslagers Groß-Rosen besucht, schweigt nicht das Objektiv. Und erst allmählich, Stück für Stück, kommt Jens Schanze der Wahrheit näher.

Der mehrfach ausgezeichnete Film Winterkinder offenbart genau jene Ungewissheit, die in so vielen deutschen Familien schlummert. Lange Zeit hat die Kriegsgeneration über diese Zeit geschwiegen. Die meisten tun es noch heute – ob aus Schuldgefühlen oder Scham. Vielmehr jedoch ist die Trauer über das Leid, welches die NS-Zeit gebracht hat, Hindernis die Vergangenheit zu bewältigen. Angst, verstorbene Familienangehörige, die sich nun nicht mehr erklären können, würden durch bloße Fakten kompromittiert werden, verschließt die Gedächtnisse.

Und genau hier setzt Winterkinder an. Sensibel vermag Schanze das Schweigen zwischen den Generationen zu brechen und den Zuschauer daran teilzuhaben. Kein Film für Actionfans, wahrlich jedoch eine Bereicherung für Jugendliche und Erwachsene. Winterkinder sollte von unserer Generation geschaut werden, im Dialog mit unseren Eltern und Großeltern.

„Winterkinder“ von Jens Schanze, im Verleih von Tiberius Film, München, 2005. Die DVD ist im Handel erhältlich. (beispielsweise bei Amazon: 19,99 Euro)
www.winterkinder-film.de

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