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	<title>Jonny Krüger &#187; Alptraum</title>
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		<title>Angst</title>
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		<pubDate>Sat, 17 Nov 2007 20:59:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jonny Krüger</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gedacht]]></category>
		<category><![CDATA[Alptraum]]></category>
		<category><![CDATA[Angst]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Ein Essay über die Angst: Haben Sie manchmal Angst? Ich meine nicht diese Art von Angst, die einen überkommt, wenn man durch eine zwielichtige Gasse geht oder in der U-Bahn von Betrunkenen erschreckt wird – ich meine dieses Gefühl absoluter Hilflosigkeit. Wenn sich das eigene Herz nicht zwischen Stillstand und Rasen entscheiden kann, wenn scheinbar der eigene Körper zum Hindernis auf der Flucht wird, und man doch nicht weiß, wovor man sich da eigentlich fürchtet.<span id="more-74"></span></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Ein Essay über die Angst: Haben Sie manchmal Angst? Ich meine nicht diese Art von Angst, die einen überkommt, wenn man durch eine zwielichtige Gasse geht oder in der U-Bahn von Betrunkenen erschreckt wird – ich meine dieses Gefühl absoluter Hilflosigkeit. Wenn sich das eigene Herz nicht zwischen Stillstand und Rasen entscheiden kann, wenn scheinbar der eigene Körper zum Hindernis auf der Flucht wird, und man doch nicht weiß, wovor man sich da eigentlich fürchtet.<span id="more-74"></span></p>
<p align="\">Ich habe diese Angst. Jetzt. Während ich im Bett liege und seit Stunden versuche einzuschlafen. Zugegeben, es fühlt sich nur an wie Stunden, aber in der Zwischenzeit ist soviel geschehen – in meinem Kopf. Das ist das Groteske daran: Ich fürchte mich vor der Fantasie, die ich mir selber in den letzten Minuten geschaffen habe.</p>
<p align="\">Ich sitze in der Vorlesung von Professor Doktor Scherzberg „Staats- und Verfassungsrecht“. Ziemlich genau in der Mitte der Sitzreihe, rechts von mir Andi, vielleicht Anna oder auch Johannes, links sitzt Amelié oder Julia. Wir sind ziemlich weit vorn, denn der Herr Doktor meidet das Mikrofon des Hörsaals. Wahrscheinlich wundere ich mich gerade, wie das Wort „Hörsaal“ zu seiner Bedeutung gekommen ist. Unser weiteres universitäres Vokabular bestehe ja aus Begriffen, die von der Tätigkeit des Dozenten ausgehen: In der Lehrveranstaltung würde gelehrt, nicht gelernt; eine Vorlesung und ein Vortrag würden in der Regel von einem Gelehrten gehalten. Nur der Ort, in dem dies stattfinde, würde von unserer Hauptbeschäftigung definiert. Im Hörsaal wird gehört. Ich denke, dass dies doch absurd sei, denn der Erfolg sei ja weniger von unseren Hörverständnis abhängig als viel mehr von der Art und Weise, wie der Dozent seinen Dienst verrichte. „Vortragssaal“ oder „Lehrsaal“ treffe den Raum semantisch passender.</p>
<p align="\">Plötzlich werde ich aus den Gedanken gerissen. Nicht dem Dozenten gelingt das, denn dafür ist er ja im falschen Raum – mein Handy vibriert. Ich lehne den Anruf meiner Mutter ab und werde leicht gereizt, denn offenbar hat sie nicht bedacht, dass ich während dieser Tageszeit in der Uni bin und da natürlich ein klingelndes Handy nicht gern gesehen ist.</p>
<p align="\">Sie versucht es weiter. Schließlich antworte ich, etwas genervt, hoffentlich leise und auch etwas beschämt vor meinen Freunden, dass ich gerade von Mutti angerufen werde. Hysterische Worte sprudeln mir entgegen. Ein Nebel legt sich vor meinen Blick, als mein Verstand die Worte „Dein Vater“ und „Krankenhaus“ in einen Zusammenhang bringt. Den Rest verstehe ich nicht mehr. Später werde ich mich nicht erinnern, warum. Vielleicht, weil sich die Stimme meiner Mutter überschlägt; vielleicht, weil sich mein Verstand vor weiteren Details schützt oder weil ich schon die Stifte und Notizen in meine Tasche packe, die Jacke überziehe und meine Freunde bitte, mich bis zum Gang durchzulassen, während missbilligende Blicke mir den Weg versperren und ich mich dennoch zwischen Knien und Tischen hindurchpresse, Schienbeine stoßend und Flüche erntend.</p>
<p align="\">Und dann sehe ich mich den nächsten Zug nehmen. Ich komme im Krankenhaus an, treffe meine Mutter, der man ihre Traurigkeit ansieht. Ich sehe meinen Vater das letzte Mal vor der Beerdigung, kann ihm nicht mehr Lebewohl sagen und hasse ihn dafür, dass er tot ist.</p>
<p align="\">Ich weine, weil ich nicht mehr mit ihm reden kann, weil er nicht stolz auf einen Sohn sein kann, der sein Studium bald schafft, weil ich Angst habe, weil ich ein anderes Leben ohne toten Vater möchte, weil ich ihn liebe – weil mich mein bester Freund verlassen hat.</p>
<p align="\">Die roten Tagebrenner habe ich für den zukünftigen Sommer besorgt, in dem ich in meinem Garten die ein oder andere Flasche Wein mit Freunden leeren wollte. Nun brennen die Kerzen am Grab meines Vaters. Ich habe zwar nicht aufgehört zu leben, aber das Leben hat bei mir eine Auszeit. Weder weiß ich wohin, noch wie. Meine Freunde wissen von alldem nichts, zwar haben sie besorgte Nachrichten auf das Handy geschrieben, aber ich brauche erst Zeit für mich. Ich möchte flüchten, vor meinem Leben. Ausweglosigkeit.</p>
<p align="\">Ich drehe mich um und kann nicht schlafen. Verstehen Sie nun, welche Art von Angst ich meine?</p>
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